In der letzten Supervisionssitzung hatte Thomas einen Fall aus seiner Praxis vorgestellt. Es ging um eine Patientin, die nach einem Neo-Tantra-Retreat in eine psychische Krise geraten war. Die Gruppe hatte intensiv über die Eigenarten von Large Group Awareness Trainings diskutiert und warum diese Formate bei Menschen mit Bindungstrauma problematisch sind.

Heute bringt Thomas einen Kollegen mit. Stefan ist Paartherapeut mit langjähriger Erfahrung in Beziehungsdynamiken. Er hat einen Fall, der ihn vor neue Fragen stellt: Ein Patient zieht sich nach einem intensiven Männer-Workshop immer mehr aus der Beziehung zu seiner Partnerin zurück. Stefan möchte vom Erfahrungsschatz der Gruppe profitieren, besonders weil er selbst mit solchen Workshop-Formaten bisher nicht in Berührung gekommen ist.

Was du hier liest, ist wieder ein fiktives Fallbeispiel, das als Lehrmaterial dient. Es zeigt, wie Therapeuten im kollegialen Austausch solche Fälle verstehen und therapeutische Strategien entwickeln.

Teilnehmende:
Dr. Weber (Supervisorin, 58, Tiefenpsychologin, 30 Jahre Erfahrung)
Thomas (Kollege, 34, Verhaltenstherapeut)
Dr. Meier (Kollege, 51, Systemischer Therapeut)
Laura (Kollegin, 42, Traumatherapeutin)
Stefan (neuer Kollege, 44, erfahrener Paartherapeut)


Dr. Weber: Willkommen zurück. Schön, dass ihr alle wieder da seid. Thomas, du hattest angekündigt, heute einen Kollegen zur Supervision mitzubringen?

Thomas: Ja genau, das ist Stefan. Wir kennen uns aus einer Fortbildung. Er ist Paartherapeut und hat gerade einen Fall, der... naja, der hat Ähnlichkeiten mit meinem Fall über das Large Group Awareness Training¹, den ich letzte Woche hier vorgestellt hatte.

Stefan: nickt Hallo zusammen. Danke, dass ich heute dabei sein darf. Thomas hat mir von der letzten Supervision erzählt, und da wurde mir klar, dass mein Patient vermutlich auch bei so einem Workshop-Format war.

Dr. Weber: Gerne. Erzähl uns einfach, was dich beschäftigt. Das letzte Mal konnten wir viel voneinander lernen.

Stefan: Also, ich habe seit zwei Monaten einen Patienten in Einzeltherapie. Robert, 38 Jahre alt. Er kam ursprünglich wegen Partnerschaftsproblemen. Seine Partnerin Martina hatte ihm vorgeworfen, er wäre zu kopflastig, würde seine Gefühle nicht zulassen, und wäre emotional nicht verfügbar.

Dr. Meier: Aha, sieht erstmal aus, wie ein klassisches Paarthema.

Stefan: Ja, dachte ich auch. Aber dann stellte sich raus, dass Robert Alexithymie² hat und sich mit seiner Gefühlswelt schwer tut.

Laura: Oh, das heißt, die beiden leben aneinander vorbei. Sie verlangt von ihm, Gefühle zu zeigen, die er selbst gar nicht benennen kann.

Stefan: Genau. Und Martina hatte ihm dann nahegelegt... blättert in seinen Notizen ...eigentlich ziemlich massiv Druck gemacht, dass er an sich arbeiten muss. Sie meinte, er soll mal zu einem Workshop für Männer gehen, um endlich ein "besserer, gefühlvoller Mann" zu werden.

Thomas: Und, ist er dann tatsächlich zu so einem Männer-Workshop gegangen?

Stefan: Ja. Er hat sich selbst einen rausgesucht und im Bio-Laden so einen Flyer mitgenommen. "Männerseminar", "Naturkraft", "Dein Leben ist jetzt". Ein Wochenende mit anderen Männern im Wald, dachte er. Irgend eine Visions-Suche halt...

Dr. Weber: Und was hat er dort tatsächlich erlebt?

Stefan: Er war bei einem Männer-Initiations-Workshop und hat dort an einem mehrtägigen Training teilgenommen. Das hat er mir aber erst in der dritten Sitzung erzählt. Vorher konnte oder durfte er einfach noch nicht darüber reden.

Laura: seufzt laut Oh nein.

Dr. Weber: Du kennst das?

Laura: Ja. Das ist... das ist problematisch. Sehr problematisch. Besonders für jemanden mit Alexithymie. Es handelt sich um ein toxisches Format für Männer... eigentlich ist das gar nicht gut für seine Partnerschaft.

Stefan: besorgt Warum ist das denn so schlecht für die Partnerschaft? So habe ich das vorher noch nie gesehen, erklär mir das bitte genauer.

Laura: Das ist auch so ein Large Group Awareness Training, ähnlich wie beim Fall von Thomas letzte Woche. Aber der Fokus ist anders. Hier geht es um "echte Männerarbeit", Initiation, eine sogenannte Heldenreise zum "Krieger" oder "Warrior". Diesmal also kein Sacred Sexuality aus der Polyamor-Szene, aber immer noch Neo-Tantra... halt mit dem Schwerpunkt männlicher vs. weiblicher Polarität.

Dr. Meier: Warrior? Sowas wie der innere Krieger wie bei C. G. Jung? Das klingt ja martialisch.

Laura: Ja, genau, sie beziehen sich da auf die Archetypen³ wie den Krieger, König oder Magier. Klingt erstmal psychologisch fundiert, oder? Aber sie nutzen die Konzepte nur als Verpackung für ihre eigenen Methoden. Die Rhetorik ist dabei sehr auf "Transformation" und "authentische Männlichkeit" ausgerichtet. Das Wochenende dauert über 48 Stunden und von Freitagabend bis Sonntagabend ist alles eng durch getaktet. Die Teilnehmer müssen vorher ihre Handys und Uhren abgeben und sind von der Aussenwelt komplett isoliert.

Stefan: Das hat Robert auch erwähnt. Er sagte, er hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr... und auch keine Möglichkeit, sich zwischendurch auszuruhen oder zurückzuziehen.

Laura: Ja, das ist Absicht. Schlafentzug⁴ ist Teil des Formats. Lange Prozesse, wenig Schlaf. Das destabilisiert emotional und macht die Teilnehmer empfänglich für das, was als Nächstes noch kommt.

Thomas: Und was passiert da konkret?

Laura: Das Kernstück ist ein intensives Konfrontationsritual. Die Teilnehmer werden einzeln auf einen symbolisch aufgeladenen Platz geführt, und dann befragen ihn drei Facilitators wie Inquisitoren gleichzeitig über seine Vergangenheit, seine Traumata, seine Scham.

Dr. Weber: Da reden alle drei gleichzeitig auf ihn ein? Warum das denn?

Laura: nickt Ja. Genau das ist die Methode: Sie sollen keine Zeit zum Nachdenken haben, keine Chance, sich zu sammeln oder eine Antwort vorzubereiten. Die Facilitators sind geschult darin, visuelle Zeichen versteckter Emotionen zu lesen und dann gezielt nachzubohren. Das Ziel ist, dass der Mann schließlich zusammenbricht. Das dauert etwa eine Stunde pro Person. Und bis das passiert, arbeiten die anderen parallel im selben Raum. Man hört rundherum das Schreien der anderen Teilnehmer.

Stefan: blass Das klingt wie emotionale Folter.

Laura: Es ist eine Form von emotionaler Manipulation. Und für jemanden mit Alexithymie ist das die Hölle. Robert kann seine Gefühle sowieso schon nicht benennen, aber die Facilitators bohren so lange, bis irgendwas aufbricht. Er hat keine Ahnung, was da gerade mit ihm passiert.

Dr. Meier: Ich nehme an, da ist kein therapeutisch geschultes Personal mit dabei?

Laura: Nein. Die Facilitators haben keine therapeutische Ausbildung. Sie sind selbst ehemalige Teilnehmer, die durch ein mehrstufiges Programm gegangen sind und irgendwann im Training für Assistenten gelandet sind. Diese ehemaligen Seminar-Teilnehmer lernen dann als Assistent, wie man solche Gruppen leitet. Und später beim Warrior-Training, wie man dann als Facilitator arbeitet.

Thomas: Was passiert dann nach diesem Konfrontationsritual? Bis Sonntag vergeht ja noch einige Zeit... wenn das so weiter geht, wäre ich schon längst wieder nach Hause gefahren und hätte das Seminar abgebrochen.

Laura: Es gibt noch weitere intensive körperliche Rituale. Die Teilnehmer werden nackt in eine Halle geführt, wo die Facilitators nackt um ein Feuer tanzen und trommeln. Danach nehmen sie an der Zeremonie in der Schwitzhütte⁵ teil.

Dr. Weber: Schwitzhütte? Ist das nicht eigentlich ein Ritual aus indigenen Traditionen?

Laura: Ja, irgendwie ähnlich zur Lakota Inipi-Tradition. An sich könnte so ein Ritual heilsam sein, aber nicht in diesem Kontext. Die Teilnehmer kommen bereits erschöpft und emotional aufgewühlt vom Konfrontationsritual in die Schwitzhütte. Extreme Hitze, Dunkelheit, stickige Luft, alle sind nackt. Und wenn in der Schwitzhütte jemand Kreislaufbeschwerden bekommt oder in Panik gerät, ist da kein ausgebildeter Spiritual Leader wie bei den Lakota – nur ein Facilitator, der das Ritual einfach durchzieht.

Stefan: Robert hatte mal angedeutet, dass etwas sehr Intensives passiert sei, aber er konnte oder wollte nicht darüber reden und wechselte schnell das Thema.

Laura: Alle Teilnehmer müssen ein Schweigegelübde ablegen und dürfen später nicht über Details sprechen, was sie im Workshop erlebt haben. Das isoliert sie von ihrem Umfeld und macht es schwerer, das Erlebte zu verarbeiten.

Dr. Meier: Moment, die dürfen mit niemandem über ihre Erlebnisse reden? Wie soll man dann therapeutisch mit so einem Patienten arbeiten?

Laura: Genau das ist das Problem. Viele Teilnehmer fühlen sich noch lange daran gebunden.

Thomas: Und was ist das Ziel dieses Workshop-Formats? Was versprechen die den Teilnehmern?

Laura: Transformation. Die Heldenreise⁶ in 48 Stunden. Sie versprechen, dass du danach ein neuer Krieger bist, emotional authentisch, verbunden mit deiner Männlichkeit. Zum Abschluss bekommt jeder Teilnehmer seinen Kriegernamen und wird in die Bruderschaft aufgenommen.

Dr. Weber: Und danach? Zurück in die Partnerschaft als Krieger?

Laura: Danach wird erwartet, dass man regelmäßig an lokalen Männergruppen teilnimmt, den sogenannten Integrations-Gruppen. Das ist das langfristige Bindungselement. Und viele der Männer rekrutieren dann Freunde oder Familie für das nächste Wochenende. Natürlich ohne zu erzählen, worum es dort geht.

Stefan: atmet tief durch Robert hat auch erwähnt, er soll jetzt in so eine Integrations-Gruppe gehen. Er meint... er wäre das den anderen Männern schuldig.

Dr. Weber: Was beobachtest du sonst noch bei ihm in den Sitzungen?

Stefan: Depression, Schlafstörungen. Er kann seine Gefühle noch weniger benennen als vorher. Er hat jetzt noch weniger Zugang zu sich selbst. Und er wirkt... irgendwie getrieben. Als müsse er etwas beweisen. Martina gegenüber, aber auch sich selbst.

Dr. Meier: Und wie reagiert Martina darauf?

Stefan: zögert Das ist... kompliziert. Robert hatte zwei Monate lang Einzeltherapie bei mir. Und dann stand Martinas Geburtstag an...

Thomas: Aber was hat denn ihr Geburtstag damit zu tun?

Stefan: Er hat ihr zum Geburtstag ein Ticket für ein entsprechendes Frauen-Workshop-Wochenende geschenkt. Vermutlich von der Schwesterorganisation.

Laura: schließt kurz die Augen Oh nein. Wenn es von der Schwesterorganisation war... Das Format wurde von der Ehefrau eines der Gründer des Männer-Projekts entwickelt... es hat die gleiche Struktur und ähnliche Methoden.

Dr. Weber: Und Martina ist da hingegangen?

Stefan: nickt Ja. Sie war neugierig. Robert machte so ein Geheimnis daraus und durfte ja nicht darüber sprechen. Die Beziehung von Robert und Martina lief zu dem Zeitpunkt gar nicht gut. Sie dachte wohl, wenn sie selbst hingeht, könnte sie die Beziehung irgendwie noch retten. Sie war so unzufrieden und Robert konnte es ihr einfach nicht rechtmachen.

Thomas: Und wie war es für sie?

Stefan: Genauso verstörend. Sie kam zurück und konnte es auch nicht einordnen. Depression, Schlafstörungen, genau wie bei Robert.

Dr. Meier: Gab es bei dem Frauen-Retreat auch so ein Konfrontationsritual?

Laura: Nicht genau so wie bei dem Männer-Projekt, aber ähnliche intensive Gruppenprozesse. Das für Frauen arbeitet mit dem Inanna-Mythos.

Thomas: Inanna? Was ist das denn?

Laura: Ein sumerischer Mythos über Abstieg und Wiedergeburt. Inanna, die Königin der Oberwelt, steigt in die Unterwelt hinab, muss an sieben Toren ihre Insignien ablegen – Krone, Schmuck und Kleidung – bis sie nackt vor ihrer dunklen Schwester steht. Dann stirbt sie und wird wiedergeboren.

Dr. Weber: Und das wird im Workshop so inszeniert?

Laura: Symbolisch, ja. Die Frauen müssen bei der Ankunft Uhren, Make-up, Schmuck ablegen. Dann werden sie einzeln und nackt in einen dunklen Raum geführt, wo sie von Assistentinnen mit ihren Schattenseiten konfrontiert werden – ähnlich wie das Konfrontationsritual bei den Männern. Im Inanna-Mythos muss die Frau ihre Insignien und Erwartungen ablegen, wird an einen Haken gehängt und stirbt. Drei Tage Tod, dann Wiedergeburt. Wie genau das in dem Ritual umgesetzt wird, weiß ich nicht im Detail, aber die symbolische Struktur ist: Tod des alten Selbst, dann Wiedergeburt. Auch Martina konnte oder wollte nicht darüber reden.

Stefan: Nach dem Frauen-Retreat ging es bergab. Martina merkte, dass es ihr nicht gut ging. Die Beziehung wurde noch angespannter. Und Robert... seufzt ...Robert wollte es ihr ja immer schon recht machen. Also hat er Martina vorgeschlagen, gemeinsam zur Paartherapie zu gehen. So landeten beide bei mir.

Dr. Weber: Wie läuft es denn, wenn die beiden gemeinsam bei dir sind?

Stefan: Schwierig. Beide sind emotional destabilisiert, beide haben Schlafstörungen, beide können nicht über ihre Workshop-Erfahrungen sprechen. Martina ist frustriert, weil Robert jetzt noch weniger emotional für sie verfügbar ist. Und Robert kann nicht erkennen, dass die Workshop-Formate kontraproduktiv für die Beziehung waren. Und gleichzeitig idealisieren beide ihre Teilnahme an den Workshops, als wären sie dort "transformiert" worden.

Laura: Sie suchen den Fehler bei sich selbst, nicht in den Workshop-Methoden.

Dr. Weber: Stefan, du hast jahrelange Erfahrung mit Paartherapie. Warum ist dieser Fall jetzt für dich so herausfordernd?

Stefan: Das Paarthema an sich kenne ich gut – unrealistische Erwartungen, Projektion, Co-Abhängigkeit. Aber diese LGAT-Formate haben eine Ebene reingebracht, die ich so noch nicht hatte. Beide sind traumatisiert, beide idealisieren ihre Workshops, als hätten sie dort etwas Wertvolles erfahren, und beide schweigen über wesentliche Details. Ich glaube, da ist viel Scham dabei, vielleicht auch die Angst, sich einzugestehen, dass es ihnen eigentlich gar nicht bei ihren Partnerschaftsproblemen geholfen hat.

Dr. Meier: Die Kommunikation scheint in der Beziehung blockiert zu sein.

Stefan: Ich brauche eine Strategie. Was die beiden bräuchten, also Traumaverarbeitung und bedürfnisorientierte Kommunikation, konnten beide vorher schon nicht. Robert wegen der Alexithymie, Martina durch ihre Erwartungshaltung. Und jetzt sind beide noch destabilisiert durch die Workshops.

Laura: Stefan, ich würde hier mit dem BITE-Modell⁷ von Dr. Steven Hassan arbeiten. Er ist Kult-Experte und hat jahrzehntelang Menschen beim Ausstieg aus destruktiven Gruppen geholfen. Das Modell hilft den beiden zu verstehen, dass ihre Erfahrungen kein individuelles Versagen waren, sondern das Ergebnis gezielter psychologischer Manipulation. Das nimmt Scham raus und macht es leichter, endlich miteinander darüber zu sprechen.

Stefan: interessiert Wie soll ich das mit dem BITE-Modell denn machen? Damit habe ich doch gar keine Erfahrung.

Laura: Mach erstmal Psychoedukation zu den vier Bereichen (Behavior, Information, Thoughts und Emotions) des BITE-Modells, damit sie verstehen, was in diesen Workshops tatsächlich los war... Behavior Control: Handys weg, Schlafentzug, Nacktheit, das Konfrontationsritual, plus die finanzielle Bindung durch teure Folge-Seminare und Integrations-Gruppen. Information Control: Das Schweigegelübde, nur positive Narrative über die Workshops dürfen nach außen dringen, Insider- vs. Outsider-Wissen. Thought Control: Spezielle Begriffe wie Bruderschaft, Transformation und authentische Männlichkeit prägen das Denken. Schwarz-Weiß-Muster wie "Die da draußen verstehen es nicht". Emotional Control: Scham, Schuld und die Angst vor dem Verlassen der Gruppe. Gleichzeitig intensive Euphorie und Verbundenheit am Ende, auch noch durch Love Bombing – der feierliche Kriegername, die Aufnahme in die Bruderschaft. Dann die Drohung: Wer geht, verliert alles wieder.

Stefan: Und dann? Wie setze ich das therapeutisch um?

Laura: Mit Dr. Hassans Strategic Interactive Approach. Du darfst dabei die Retreats nicht konfrontativ als Kult bezeichnen. Hilf den beiden erstmal dabei, wieder Zugang zu sich selbst zu finden, so wie sie vor den Workshops waren. Was hat die beiden früher verbunden? Ab da dann weitermachen, wie sonst auch in der Paartherapie.

Stefan: Wie lange würde so etwas deiner Erfahrung nach dauern?

Laura: Bei meiner Patientin mit einem ähnlichen Workshop-Hintergrund waren es anderthalb Jahre. Aber bei dir kommt die Paardynamik dazu. Ich würde mit sechs Monaten bis einem Jahr rechnen, mindestens.

Dr. Weber: schaut auf die Uhr Gut, unsere Zeit ist um. Stefan, siehst du jetzt klarer, wo du stehst und was zu tun ist?

Stefan: Ja, auf jeden Fall. Jetzt verstehe ich besser, womit ich es zu tun habe. Und zu wissen, dass das ein Langzeitprozess ist, nimmt bei mir Druck raus. Danke euch allen.

Dr. Weber: Halte uns gerne auf dem Laufenden, wie es sich entwickelt.

Stefan: Mach ich.

Laura: zu Thomas gewandt Wenn du magst, schick ich dir noch die Arbeit von Dr. Steven Hassan⁸ zu Kontrollmechanismen in destruktiven Gruppen und weitere Infos zu diesen Workshop-Strukturen.

Thomas: Gerne. Scheint ja häufiger vorzukommen, als ich dachte.

Dr. Weber: So ist es. Gut, dann bis nächste Woche.

[Die Gruppe packt zusammen und verabschiedet sich.]


Large Group Awareness Training¹: Ein intensiver Gruppen-Workshop über mehrere Tage, der Transformation in kurzer Zeit verspricht. Charakteristisch sind emotionale Destabilisierung, Gruppendruck, Unterbindung von kritischem Denken und mehrstufige Programme. Bekannte Beispiele: Landmark Forum, est, Lifespring. Eine detaillierte Analyse der neurologischen und psychologischen Mechanismen von Large Group Awareness Trainings findest du in dem Gespräch zwischen Kult-Experte Chris Shelton und Dr. John Hunter: Speaking of Cults...Are LGATs Actually Just Cults?

Alexithymie²: Eine neurologische Besonderheit, bei der Menschen Schwierigkeiten haben, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu benennen und auszudrücken. Betroffene können oft nicht unterscheiden zwischen körperlichen Empfindungen und emotionalen Zuständen. Alexithymie ist keine Störung oder Krankheit, sondern eine andere Art der emotionalen Verarbeitung, die bei etwa 10% der Bevölkerung vorkommt.

Archetypen³: Sind nach der analytischen Psychologie von C.G. Jung universelle, angeborene psychische Strukturen und Urmuster menschlichen Verhaltens. Beispiele sind der Krieger, der König, der Magier oder der Liebhaber. C.G. Jung verstand Archetypen als Teil des kollektiven Unbewussten. In der Gestalttherapie und tiefenpsychologischen Arbeit können Archetypen hilfreich sein, um unbewusste Anteile der Persönlichkeit zu explorieren. In Transformations-Workshops, wie beispielsweise der Heldenreise, werden diese Konzepte als unterhaltsames Erlebnis-Format verwendet.

Schlafentzug⁴: Der gezielte Einsatz von Schlafmangel in LGAT-Workshop-Formaten erhöht die emotionale Verletzlichkeit und Suggestibilität. Damit werden die Teilnehmer empfänglicher für die intensiven Rituale und die vermittelten Botschaften, was die gewünschte "Transformation" oder den Zusammenbruch und die anschließende Neuformung leichter herbeiführt.

Schwitzhütte⁵: In der Lakota-Tradition ist die Schwitzhütte ein spirituelles Reinigungsritual mit jahrhundertealter Bedeutung, das unter Anleitung erfahrener Medizinmänner durchgeführt wird. In kommerziellen Workshop-Formaten wird das Ritual oft aus diesem Zusammenhang gerissen und ohne qualifizierte Begleitung eingesetzt.

Heldenreise⁶: Ursprünglich ein literarisches Konzept des Mythologen Joseph Campbell, das universelle Muster in Heldengeschichten beschreibt: Aufbruch aus der gewohnten Welt, Prüfungen, Transformation, Rückkehr mit neuer Weisheit. In Workshop-Formaten wird das Konzept oft verwendet, um damit emotional destabilisierende Prozesse zu rechtfertigen. Die Teilnehmer werden bewusst mit "Prüfungen" konfrontiert, um sich danach beim Durchlaufen weiterer Stationen als "transformiert" und "wiedergeboren" zu fühlen. Die psychologische Legitimität durch Campbells Arbeit suggeriert therapeutischen Wert, wo oft nur intensive Gruppendynamik ohne professionelle Begleitung stattfindet.

BITE-Modell⁷: Ein von Dr. Steven Hassan entwickeltes Analyse-Framework zur Identifikation von autoritärer Kontrolle in destruktiven Gruppen und Kulten. Das Modell hilft zu verstehen, wie Gruppen systematisch Einfluss auf ihre Mitglieder ausüben. Mehr Informationen und das vollständige BITE-Modell als PDF: Freedom of Mind Resource Center – BITE Model

Dr. Steven Hassan⁸: Bekannter Ausstiegsberater und Autor im Bereich destruktiver Kulte und autoritärer Kontrolle. Dr. Hassan war selbst Mitglied der Moon-Sekte und entwickelte nach seinem Ausstieg den Strategic Interactive Approach zur Unterstützung von Betroffenen. Seine Hauptwerke sind: "Combating Cult Mind Control" (1988), "Freedom of Mind" (2012). Website mit Ressourcen für Betroffene und Angehörige: Freedom of Mind Resource Center