Vielleicht fällt Ihnen immer öfter auf, dass etwas in Ihrem Leben nicht rund läuft. Beziehungen fühlen sich immer wieder kompliziert an, Nähe macht Angst oder Sie finden keinen Kontakt zu Ihrem Partner. Sie reagieren auf Kleinigkeiten oft heftiger als andere und ziehen sich zurück. Irgendwann wird Ihnen klar, dass das alles mit dem zu tun hat, was Sie früher bereits genau so erlebt haben.

In Podcasts, auf Instagram, einfach überall wird gerade über Trauma gesprochen, über innere Kind-Arbeit und über Heilung. Und irgendwann entscheiden Sie sich, in Therapie zu gehen...

Aber wohin? Was dort erzählen? Und welches Verfahren passt überhaupt: Verhaltenstherapie, Traumatherapie, etwas ganz anderes? Was übernimmt Ihre Krankenkasse, und was passt zu dem, was Sie erlebt haben? Die Suche nach dem geeigneten Therapeuten überfordert Sie, weil niemand erklärt, worauf es wirklich ankommt.

In meiner Praxis arbeite ich genau mit diesen Menschen und an deren Themen.

Entwicklungstrauma¹ und komplexe Traumafolgen brauchen erstmal eine verlässliche und tragfähige Beziehung, bevor Veränderung möglich wird. Genau daran orientiert sich meine Arbeit, die systemische und tiefenpsychologische Ansätze mit NARM² – dem NeuroAffective Relational Model – verbindet, welches speziell für Entwicklungstrauma entwickelt wurde.

Für Entwicklungstrauma gibt es keine eigenständige Diagnose

Die meisten gängigen Therapieverfahren für Trauma sind auf das einmalige traumatische Ereignis ausgerichtet. In den Diagnosemanualen wird die Folge davon als Posttraumatische Belastungsstörung PTBS beschrieben: ein konkretes belastendes Ereignis, welches von den Betroffenen nicht verarbeitet werden konnte und jetzt noch als Erinnerung im Nervensystem feststeckt. Diese Verfahren gehen davon aus, dass traumatische Erlebnisse durch wiederholtes Durcharbeiten irgendwann vollständig verarbeitet und abgeschlossen werden können.

Anders sieht es bei Entwicklungstrauma oder auch bei der komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung kPTBS aus.

Nach ICD-11 entsteht kPTBS durch wiederholte oder anhaltende Ereignisse, denen man kaum entkommen konnte: körperlicher, emotionaler oder sexueller Missbrauch in der Kindheit, oder auch lang anhaltende häusliche Gewalt. Also oft kein einzelnes Ereignis, das von Betroffenen als wesentliche traumatische Erfahrung benannt werden könnte, sondern eine ganze Reihe traumatischer Vorfälle.

Entwicklungstrauma entsteht nicht durch Ereignisse, sondern durch chronischen Mangel an Sicherheit, verlässlicher Bindung und emotionaler Resonanz. Das wirkt sich bis heute darauf aus, wie Betroffene ihre Beziehungen erleben, mit Gefühlen umgehen und sich selbst sehen.

In ICD-11 wird Entwicklungstrauma ausdrücklich aus der kPTBS-Diagnose ausgeschlossen, chronische emotionale Vernachlässigung gilt dort nicht als traumatisches Ereignis. Deshalb bekommen davon Betroffene beim Arzt oder in der Klinik meist andere Diagnosen.

Rezidivierende Depression, weil diese Menschen sich seit Jahren erschöpft und leer fühlen. Anpassungsstörung, wenn jemand mit der Belastung nach einem schweren Lebensereignis maximal zwei Jahre lang nicht zurechtkommt; danach ist es keine Anpassungsstörung mehr, sondern wird als Depression oder Dysthymia diagnostiziert. Wenn Beziehungsmuster instabil sind und Betroffene ihre Gefühle nicht regulieren können, steht vielleicht der Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung im Raum.

All diese Diagnosen beschreiben, was heute als Symptom sichtbar ist – aber sie erfassen nicht die Ursache dieser Symptome. Entwicklungstrauma selbst ist in den Diagnosemanualen nicht vorgesehen und wurde in Fachkreisen lange Zeit kaum beachtet.

Therapieverfahren bei Entwicklungstrauma

Die Krankenkassen bewilligen ein geeignetes Verfahren nach der Psychotherapie-Richtlinie. Welche Therapie Sie demnach bekommen würden, richtet sich also nach Ihrer Diagnose.

Wenn bei Ihnen rezidivierende Depression diagnostiziert wurde, werden Verfahren bewilligt, die sich dafür bewährt haben. Bei einer Anpassungsstörung oder einer Persönlichkeitsstörung sind nach der Psychotherapie-Richtlinie jeweils wieder andere Verfahren vorgesehen.

Das Entwicklungstrauma als eigentliche Ursache kommt in dieser Logik nicht vor. Die Therapie behandelt nur die sichtbaren Symptome – aber nicht das, was sie ursprünglich ausgelöst hat.

In der Praxis treten diese Störungsbilder selten isoliert auf, sondern komorbid, also gleichzeitig nebeneinander. Sie haben vielleicht eine rezidivierende Depression, dazu noch den Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung, und möglicherweise noch konkrete traumatische Ereignisse, die als PTBS oder kPTBS diagnostiziert werden können.

Deshalb kommen je nach Ihrer spezifischen Diagnose und Symptomatik die nachfolgenden, unterschiedlichen Therapieverfahren in Betracht – aber nicht jedes Therapieverfahren passt zu dem, was Sie als Entwicklungstrauma bereits seit Ihrer frühesten Kindheit erlebt haben.

Dialektisch-Behaviorale Therapie DBT

Nehmen wir an, Sie kommen in eine Tagesklinik oder psychosomatische Klinik und dort werden Ihnen erstmal DBT Skills² vermittelt. Denn die Dialektisch-Behaviorale Therapie DBT ist eines der Verfahren, das häufig bei emotionaler Instabilität und Krisensituationen eingesetzt wird.

Marsha Linehan entwickelte die Dialektisch-Behaviorale Therapie aus eigener Erfahrung mit einer schweren psychischen Erkrankung. DBT war zuerst für die Behandlung von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung vorgesehen, da sich die anderen Therapieverfahren bei dieser Patientengruppe als kontraproduktiv erwiesen hatten. DBT wird inzwischen auch bei Essstörungen oder Substanzabhängigkeit eingesetzt.

DBT arbeitet mit einem dialektischen Ansatz, also mit Gegensätzen, die sich scheinbar ausschließen, aber trotzdem beide wahr sein können. Gerade bei Borderline werden solche Gegensätze jedoch oft als unvereinbar erlebt, entweder gut oder schlecht, entweder Nähe oder Distanz. Genau hier setzt DBT an, mit einem Sowohl-als-auch statt einem Entweder-oder.

DBT vermittelt Ihnen konkrete Fertigkeiten, sogenannte Skills, für den Umgang mit starken Gefühlen und Krisensituationen. Diese helfen, dysfunktionale Strategien zu ersetzen und sind besonders wertvoll in akuten Krisen. Aber solange diese frühen Beziehungsmuster aus dem Entwicklungstrauma unbearbeitet bleiben, kommen die Krisen immer wieder.

DBT wird von Psychologischen Psychotherapeuten im Rahmen der Verhaltenstherapie als Kassenleistung angeboten.

NeuroAffektives Beziehungsmodell NARM

NARM³ geht davon aus, dass frühe Verletzungen grundlegender Bedürfnisse zu den Überlebensmustern geführt haben, die sich heute in Ihren Beziehungen zeigen.

In der Therapie wird sichtbar, wie sich diese Überlebensmuster im gegenwärtigen Kontakt zwischen Ihnen und dem Therapeuten zeigen. Vielleicht erzählen Sie ihm gerade von einer belastenden Situation und merken dabei gar nicht, dass Sie dabei lächeln. Ihr Therapeut macht Sie dann darauf aufmerksam. Oder Sie ziehen sich zurück, sobald er etwas Wertschätzendes zu Ihnen sagt, und genau diese Distanz wird in der Therapie zum Thema. Diese Prägung zeigt sich nicht als Erinnerung – sondern genau jetzt, im Kontakt.

Während DBT die Skills vermittelt, damit Sie besser mit den Symptomen zurechtkommen, arbeitet NARM durch die therapeutische Beziehung an den zugrundeliegenden Ursachen.

NARM verbindet Erkenntnisse aus Bindungstheorie, Entwicklungspsychologie und aktueller Traumaforschung und arbeitet mit fünf zentralen Lebensthemen: Kontakt, Einstimmung (auf Bedürfnisse und Gefühle), Vertrauen, Autonomie sowie Liebe und Sexualität.

Meine Arbeit orientiert sich stark an diesem Ansatz, weil ich immer wieder sehe, wie sehr Menschen mit Entwicklungstrauma genau diese Form der Beziehungsarbeit brauchen.

NARM ist bei approbierten Psychotherapeuten oft eine Zusatzqualifikation, die in die reguläre, über die Krankenkasse abrechenbare Behandlung einfließt. Bei der Therapeutensuche können Sie gezielt nach NARM-Erfahrung fragen und ob die Behandlung über die Krankenkasse oder als Privatleistung abgerechnet werden kann.

Kognitiv-Behaviorales Analyse-System der Psychotherapie CBASP

Nehmen wir an, Sie leiden seit Jahren an einer Depression, die trotz vieler Therapieversuche einfach nicht weggeht. Sie hat schon recht früh begonnen, Beziehungen fallen Ihnen schwer und Sie ziehen sich immer weiter zurück.

CBASP⁴ wurde speziell für chronische Depression entwickelt und setzt genau dort an, wo frühe prägende Beziehungserfahrungen mit aktuell erlebten zwischenmenschlichen Schwierigkeiten zusammenhängen.

Laut CBASP liegt die Ursache für chronische Depression oft in Beziehungserfahrungen mit den prägenden Bezugspersonen aus der frühen Kindheit. In der Therapie wird durch strukturierte Situationsanalysen sichtbar, wie diese frühen Erfahrungen Ihr Erleben im Alltag noch immer prägen. Im Kontakt mit Ihrem Therapeuten lernen Sie, wie Sie jetzt aus den bisher automatisch ablaufenden Mustern aussteigen können.

Anders als NARM arbeitet CBASP strukturiert und direktiv, mit einem klaren Plan. Ihr Therapeut leitet Sie aktiv an, gibt Ihnen gezieltes Feedback zu Ihrer Wirkung auf ihn und analysiert mit Ihnen alltägliche Situationen. Der Kontakt selbst wird dabei zum Übungsfeld für neue Verhaltensweisen. Zentrale Werkzeuge sind die Liste prägender Bezugspersonen und der Kiesler-Kreis, der Ihnen aufzeigt, wie Ihr Verhalten auf andere wirkt. Mit der Situationsanalyse erkennen Sie, welche automatisch ablaufenden Verhaltensweisen Sie jetzt ändern können.

Im Unterschied zu NARM, das ganzheitlich mit Bindungsmustern arbeitet, konzentriert sich CBASP auf konkrete zwischenmenschliche Situationen. CBASP geht davon aus, dass frühe Verletzungen zu einer Entwicklungsblockade in der sozialen Wahrnehmung geführt haben. Sie haben dadurch Schwierigkeiten, die Perspektive anderer einzunehmen und zu erkennen, wie Ihr Verhalten auf andere wirkt.

CBASP wird von Psychologischen Psychotherapeuten als Kassenleistung im Rahmen von Verhaltenstherapie angeboten.

Schematherapie

Angenommen, Sie fühlen sich in Beziehungen nicht gut genug – oder zu viel. Sie springen in die Rolle des Helfers oder ziehen sich zurück, sobald Ihnen jemand zu nah kommt. Ihnen passiert das immer wieder – automatisch, als hätten Sie keine Wahl.

Die Schematherapie⁵ wurde von Jeffrey Young für Menschen entwickelt, bei denen klassische Verhaltenstherapie nicht ausreichte, besonders bei Persönlichkeitsstörungen und chronischen Beziehungsmustern. Die Verhaltenstherapie arbeitet vor allem mit Gedanken und Sie lernen, dysfunktionale Denkmuster zu erkennen und zu ersetzen. Bei Entwicklungstrauma greift das zu kurz. Die Überzeugungen sind keine Denkfehler, die Sie einfach korrigieren können, sondern emotional verankerte Kernüberzeugungen aus jahrelanger Erfahrung.

Schematherapie geht davon aus, dass frühe Verletzungen zu stabilen Überzeugungen über sich selbst, andere und die Welt geführt haben, den sogenannten Schemata. Diese aktivieren sich in bestimmten Situationen automatisch und lösen typische emotionale Zustände aus, die Modi genannt werden.

Im Unterschied zu CBASP, das aktuelle Situationen analysiert und Verhaltensänderungen anleitet, oder im Unterschied zu NARM, das den gegenwärtigen Kontakt beachtet, arbeitet Schematherapie mit inneren Bildern und emotionalen Zuständen. Mit Stühlearbeit kann der Therapeut mit Ihnen verschiedene innere Anteile positionieren und in Dialog bringen, etwa das verletzte Kind mit dem überkritischen Elternmodus. Und beim Imagery Rescripting führt der Therapeut Sie in Ihrer Vorstellung in frühe Situationen zurück und hilft Ihnen dabei, sie so zu verändern, wie sie für Sie damals gut gewesen wären. Sie erleben dabei, wie es sich anfühlt zu bekommen, was Sie gebraucht hätten.

Schematherapie nutzt also gezielt Techniken, um frühe Verletzungen bewusst erlebbar zu machen und korrigierende Erfahrungen zu schaffen. Der Therapeut nimmt dabei eine aktiv nährende Rolle ein, reagiert anders als Ihre ursprünglichen Bezugspersonen und ermöglicht auf diese Weise eine korrigierende Beziehungserfahrung.

Schematherapie verbindet kognitive, emotionale und beziehungsorientierte Elemente. Sie eignet sich besonders, wenn Ihre Überlebensmuster sehr stabil sind und Sie das Gefühl haben, in einer Endlosschleife festzustecken.

Schematherapie wird von Psychologischen Psychotherapeuten als Kassenleistung im Rahmen von Verhaltenstherapie angeboten.

Klassische Traumatherapie-Verfahren

Klassische Traumatherapie-Verfahren wurden für PTBS entwickelt, also nur für ein isoliertes traumatisches Ereignis. Das belastende Ereignis wird in der Therapie wiederholt bearbeitet, bis es an emotionaler Wirkung verliert und als abgeschlossen gelten kann.

Eines der aktuell bekanntesten Verfahren ist EMDR⁶ (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), bei dem durch Augenbewegungen oder andere bilaterale Stimulation eine Verarbeitung des traumatischen Ereignisses im Gehirn angeregt werden soll.

Die Augenbewegungen sind dabei nur eine von acht Phasen des EMDR-Protokolls. Die übrigen sieben Phasen, also Anamnese, Vorbereitung, Stabilisierung, kognitive Umstrukturierung und die Nachbereitung kommen in ähnlicher Form auch in anderen Therapieverfahren vor.

Ob bilaterale Stimulation selbst überhaupt einen eigenständigen Wirkfaktor darstellt, ist wissenschaftlich umstritten, die Effekte lassen sich möglicherweise ebenso gut durch die klassischen Elemente wie Exposition und kognitive Umstrukturierung erklären.

Bei Entwicklungstrauma fehlt genau das, worauf EMDR aufbaut, eine klar erinnerbare, zeitlich begrenzte Situation mit einem Vorher und Nachher. EMDR braucht ein Zielbild, eine konkrete Erinnerung, die fokussiert und durchgearbeitet werden kann. Entwicklungstrauma entsteht aber nicht aus einzelnen Erinnerungen, sondern aus einem andauernden Zustand fehlender Sicherheit und Resonanz. Es gibt keine einzelne Situation, auf die man die Augenbewegungen richten könnte, weil bei Entwicklungstrauma nie eine isolierte Erinnerung nachwirkt, sondern die über Jahre geprägte Erfahrung von fehlender Nähe, fehlendem Vertrauen und fehlender Sicherheit. Bei Entwicklungstrauma stößt EMDR an Grenzen – notwendig ist stattdessen der Aufbau einer neuen, verlässlichen Beziehungserfahrung.

EMDR ist als Methode innerhalb der bestehenden Richtlinienverfahren zur Behandlung von PTBS anerkannt. EMDR wird in der Verhaltenstherapie, der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie und seit 2024 auch in der Systemischen Therapie als zusätzliche Methode, ähnlich wie DBT Skills, zur Bearbeitung einzelner belastender Erinnerungen eingesetzt. Die Anerkennung von EMDR durch die Psychotherapierichtlinie bezieht sich jedoch weiterhin nur auf die Behandlung von PTBS, also einem einzelnen traumatischen Ereignis.

Approbierte Psychotherapeuten können EMDR als zusätzliches Verfahren nutzen und als Kassenleistung abrechnen.

Ein anderes bekanntes Verfahren ist Prolonged Exposure, die verlängerte Konfrontation. Dabei setzen sich Betroffene wiederholt und ausführlich der traumatischen Erinnerung aus, indem sie das Erlebte detailliert erzählen oder aufschreiben. Anders als bei EMDR beruht die Wirkung hier auf Habituation, also auf der Gewöhnung an die belastende Erinnerung. Die wiederholte Konfrontation selbst soll dazu führen, dass Angst und Belastung mit der Zeit abnehmen.

Allerdings werden wiederholte Konfrontationen in Fachkreisen auch kritisch gesehen. Die Wiederholung kann die Belastung noch verstärken. Bei Entwicklungstrauma, wo es nicht um ein einzelnes Ereignis geht, sondern um chronische Beziehungserfahrungen, setzt das ständige Wiedererleben einzelner traumatischer Erinnerungen an der falschen Stelle an.

Anstatt einzelne Ereignisse durchzuarbeiten, braucht es vielmehr die Erfahrung, dass Beziehung wirklich sicher ist.

Genau hier setzt auch Michaela Huber an, eine der bekanntesten Traumatherapeutinnen im deutschsprachigen Raum mit dem Schwerpunkt komplexe Traumatisierung und Dissoziation. Sie arbeitet mit einem Phasenmodell, in dem am Anfang nicht die Bearbeitung traumatischer Inhalte steht, sondern der Aufbau von Sicherheit, Stabilität und inneren Ressourcen.

Körperbasierte Traumatherapie-Verfahren

Neben den klassischen Traumatherapie-Verfahren gibt es Ansätze, die davon ausgehen, dass Trauma nicht nur psychisch, sondern auch im Körper gespeichert ist. Diese Verfahren arbeiten mit Körperempfindungen, Bewegung und Regulation des Nervensystems.

Somatic Experiencing (SE)⁹ ist das bekannteste und am weitesten verbreitete körperbasierte Verfahren, das vor allem bei PTBS eingesetzt wird. SE wurde von Peter Levine in den 1970er Jahren entwickelt und arbeitet mit der Annahme, dass Trauma als "unvollendete Reaktion" im Nervensystem gespeichert ist. Durch achtsames Wahrnehmen von Körperempfindungen und Pendeln zwischen belastenden und ressourcenvollen Zuständen soll blockierte Energie gelöst und das Nervensystem reguliert werden. Bessel van der Kolk trug mit seinem Buch "The Body Keeps the Score" (2014) wesentlich zur Popularisierung körperbasierter Traumaansätze bei, ohne die fehlende Evidenz kritisch zu hinterfragen.

Weitere körperbasierte Ansätze sind TRE (Tension & Trauma Releasing Exercises)¹⁰, Neo Emotional Release¹¹ und MER (Myofascial Energetic Release)¹². Sie vertreten die Annahme, dass Trauma im Nervensystem oder in den Faszien gespeichert ist und durch körperbasierte Techniken gelöst werden kann. Diese Verfahren vermitteln den Eindruck, Entwicklungstrauma auf einfache Weise loswerden zu können.

Körperbasierte Verfahren können das Nervensystem beruhigen und die Selbstregulation ganz wesentlich verbessern, aber sie verändern nicht die zugrundeliegenden Beziehungsmuster und Überzeugungen aus frühen Bindungserfahrungen.

Rund um das Thema Trauma hat sich eine regelrechte Industrie entwickelt, die weniger auf wissenschaftlicher Evidenz als auf teuren, mehrstufigen Ausbildungswegen und franchise-ähnlichen Geschäftsmodellen basiert. Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Methoden für Patienten wirkungslos sind, wirft aber die Frage auf, wer davon eigentlich am meisten profitiert, zumal viele dieser Ansätze von Menschen ohne psychotherapeutische Ausbildung entwickelt und vermarktet wurden.

Keines dieser körperbasierten Verfahren wird von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, da sie nicht als wissenschaftlich anerkannte Richtlinienverfahren gelten.

Traumatherapie für Entwicklungstrauma

Entwicklungstrauma entsteht durch jahrelanges Erleben von Angst, Einsamkeit und der Erfahrung, dass die eigenen Gefühle und Bedürfnisse keinen Platz hatten. Dieses frühere Erleben bestimmt, wie Betroffene heute Beziehungen erleben, mit ihren Gefühlen umgehen und sich selbst sehen.

Solche Prägungen werden in der psychiatrischen Diagnostik oft als Persönlichkeitsstörung klassifiziert. Die Diagnose beschreibt die Symptome als stabile Persönlichkeitsmerkmale.

Aus traumatherapeutischer Sicht ist das keine feste Struktur, sondern eine Anpassungsleistung an das Erlebte. Was damals als Überlebensmuster entstanden ist, lässt sich heute durch neue Beziehungserfahrungen auch wieder verändern.

Oft setzt sich dieses Muster von Prägungen und Anpassung über Generationen fort als multigenerationales Trauma. Eltern geben ihre eigenen Erfahrungen an ihre Kinder weiter, doch Sicherheit, Bindung und emotionale Resonanz können sie nicht vermitteln, weil sie das selbst nie erfahren haben.

Wenn Betroffene versuchen, etwas zu verarbeiten, das keine konkrete Form hat und wofür es keine Worte gibt, weil es aus vorsprachlicher Zeit stammt, braucht es einen anderen Weg.

Spätere traumatische Erlebnisse lassen sich vielleicht noch beschreiben, aber die eigentliche Ursache liegt viel früher. Werden nur diese späteren Erlebnisse therapeutisch bearbeitet, wird die Belastung schnell überwältigend. Zuerst braucht es die Erfahrung, dass Beziehung und Kontakt sicher sind.

Deshalb braucht es bei Entwicklungstrauma vor allem neue Beziehungserfahrungen.

Als Betroffene können Sie lernen, dass Ihre Gefühle willkommen sind, dass Ihre Bedürfnisse da sein dürfen und dass Beziehung sicher ist. Das passiert nicht durch ein bestimmtes Verfahren, sondern dadurch, dass Sie es immer wieder erleben, in der Therapie und idealerweise auch in all Ihren Beziehungen.

Bei Entwicklungstrauma geht es darum, nachträglich das zu lernen, was früher nicht möglich war. Das geschieht durch neue Beziehungserfahrungen in der Einzeltherapie. Oder auch in Seminaren, durch systemische Therapie oder in der Aufstellungsarbeit, die Familienmuster sichtbar macht.

Diese Ansätze haben alle eines gemeinsam: Sie nähren nach, was früher gefehlt hat.

Entscheidend ist nicht das einzelne Verfahren, das Symptomreduktion verspricht, sondern dass Sie eine Therapeutin oder einen Therapeuten finden, zu dem Sie Vertrauen haben.

In meiner Arbeit mit Menschen, die Entwicklungstrauma erlebt haben, zeigt sich immer wieder, dass die Beziehung selbst die Therapie ist.

Genau deshalb arbeite ich mit bindungsorientierter Traumatherapie.


Entwicklungstrauma¹: Entsteht, wenn Sicherheit, verlässliche Bindung und emotionale Resonanz in der Kindheit nicht gegeben sind. Anders als bei PTBS prägen frühe, andauernde Beziehungserfahrungen, wie Betroffene heute Beziehungen erleben, mit Gefühlen umgehen und sich selbst sehen. Entwicklungstrauma ist in ICD-11 keine eigenständige Diagnose.

DBT Skills²: Vermitteln konkrete Fertigkeiten zur Emotionsregulation und Krisenbewältigung: Achtsamkeit (bewusste Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments), Stresstoleranz (Krisen aushalten ohne destruktive Handlungen), Emotionsregulation (eigene Gefühle verstehen und steuern) und zwischenmenschliche Fertigkeiten (Beziehungen gestalten, Grenzen setzen). Skills helfen in akuten Situationen, aber sie behandeln nicht die zugrundeliegenden Ursachen. Kostenlose App: DBT Coach für iOS | DBT Coach für Android

NARM³: Das NeuroAffective Relational Model wurde von Dr. Laurence Heller für die Arbeit mit komplexem Trauma und Entwicklungstrauma entwickelt. Bei NARM geht es nicht um das Wiedererleben vergangener traumatischer Ereignisse, sondern um die Überlebensmuster, die als Reaktion darauf entstanden sind – also um Muster, die oft zu Trennung oder Vermeidung führen, um sich (vermeintlich) sicher fühlen zu können. Siehe auch: NARM Training Institute

CBASP⁴: Entwickelt in den 1990er Jahren von James McCullough für chronische Depression mit frühen Beziehungsverletzungen. Im Unterschied zu klassischer Verhaltenstherapie nutzt CBASP die therapeutische Beziehung selbst als zentrales Werkzeug für Veränderung.

Schematherapie⁵: Arbeitet mit frühen maladaptiven Schemata, negativen Überzeugungen über sich selbst, andere und die Welt. Zentrale Werkzeuge sind Stühlearbeit, bei der zwischen verschiedenen inneren Anteilen im Dialog gewechselt wird, Imagery Rescripting, bei dem frühe Situationen in der Vorstellung verändert werden, und Limited Reparenting, bei dem der Therapeut innerhalb professioneller Grenzen nährende, korrigierende Erfahrungen bietet.

EMDR⁶: Eye Movement Desensitization and Reprocessing besteht aus einem 8-Phasen-Protokoll, von dem nur eine Phase die Augenbewegungen oder andere bilaterale Stimulation beinhaltet. Die Wirksamkeit von EMDR bei PTBS ist gut belegt, aber die spezifische Wirkung der Augenbewegungen ist wissenschaftlich umstritten. Kritiker weisen darauf hin, dass die therapeutischen Effekte möglicherweise eher aus den anderen Phasen (Exposition, kognitive Umstrukturierung) resultieren als aus der bilateralen Stimulation selbst. Eine ausführliche und kritische Auseinandersetzung mit EMDR und den wissenschaftlichen Kontroversen finden Sie in diesem Video: Science or Snake Oil? A hard look at EMDR

Somatic Experiencing (SE)⁹: SE basiert auf der Beobachtung von Peter Levine, dass Tiere nach lebensbedrohlichen Situationen zittern und sich schütteln, um Stress wieder zu "entladen". Die Theorie von "blockierter Energie im Nervensystem" ist neurologisch nicht belegt. Es gibt kein wissenschaftliches Konzept von "im Körper gespeichertem Trauma" oder "steckengebliebener Energie". Die Ausbildung wird zentral von Somatic Experiencing International (SEI) kontrolliert und über mehrstufige, kostenpflichtige Zertifizierungen strukturiert.

TRE (Tension & Trauma Releasing Exercises)¹⁰: Entwickelt von Dr. David Berceli (Psychologe), basierend auf der gleichen "Tiere schütteln ab"-Theorie wie SE. TRE besteht aus 7 einfachen Übungen, die Zittern auslösen sollen, um "blockierte Energie" freizusetzen.

Neo Emotional Release¹¹: Entwickelt von David Manning, einem medizinischen Masseur mit Erfahrung in Körper- und Emotionsarbeit. Neo Emotional Release kombiniert Breathwork, Körperarbeit und verbale Anleitung mit der Annahme, Emotionen seien in Muskeln, Faszien und Organen gespeichert.

MER (Myofascial Energetic Release)¹²: Entwickelt von Satyarthi Peloquin. MER arbeitet mit der Annahme, dass sich unterdrückte Emotionen in den Faszien festsetzen und als Spannung, Verhärtung oder Schmerz dort gespeichert bleiben. Durch Faszienarbeit, Atemtechniken und emotionale Prozessbegleitung sollen diese Emotionen freigesetzt und integriert werden.