Vielleicht bemerkst du schon länger, dass etwas in deinem Leben nicht rund läuft. Deine Beziehungen fühlen sich immer wieder kompliziert an, Nähe macht dir Angst und du findest nicht den richtige Kontakt zu deinem Partner. Oder du reagierst auf Kleinigkeiten heftiger als andere, ziehst dich zurück und weisst nicht weiter. Irgendwann wird dir klar, dass das alles mit dem zu tun hat, was früher war. Nicht ein einzelnes schlimmes Erlebnis, sondern eher ein bedrückendes Lebensgefühl, das dich seitdem begleitet.
In Podcasts, auf Instagram, einfach überall wird über Trauma gesprochen. Über innere Kind-Arbeit, über Heilung, über Therapie. Und irgendwann entscheidest du dich, in Therapie zu gehen. Endlich.
Aber wohin? Was dort erzählen? Und welche Therapieverfahren machen Sinn? Verhaltenstherapie? Traumatherapie? Was davon bezahlt deine Krankenkasse? Was passt überhaupt zu dem, was du erlebt hast? Die Therapeutensuche überfordert dich, weil dir keiner erklärt, worauf es wirklich ankommt.
In meiner Praxis arbeite ich genau mit diesen Menschen und an deren Themen.
Entwicklungstrauma und komplexe Traumafolgen brauchen Raum für neue Beziehungserfahrungen. Meine Arbeit verbindet systemische und tiefenpsychologische Ansätze mit Erkenntnissen aus dem NeuroAffective Relational Model (NARM), einem Verfahren, das speziell für Entwicklungstrauma entwickelt wurde.
Schocktrauma vs. Entwicklungstrauma
Die meisten der heute gängigen Therapieverfahren für Trauma sind nur auf Schocktrauma ausgerichtet. Also für das, was in den Diagnosemanualen als Posttraumatische Belastungsstörung PTBS beschrieben wird: ein konkretes belastendes Ereignis, das du nicht verarbeiten konntest und das jetzt als belastende Erinnerung in deinem Nervensystem feststeckt. Diese Therapieformen gehen davon aus, dass ein traumatisches Ereignis durch wiederholtes Durcharbeiten irgendwann vollständig bearbeitet und abgeschlossen werden kann.
Entwicklungstrauma oder komplexe Posttraumatische Belastungsstörung kPTBS funktionieren jedoch anders als Schocktrauma.
Nach ICD-11 liegt das Trauma bei kPTBS in wiederholten oder anhaltenden Ereignissen, denen man kaum entkommen konnte: wiederholter körperlicher, emotionaler oder sexueller Missbrauch in der Kindheit, lang anhaltende häusliche Gewalt. Hier gibt es oft kein einzelnes Ereignis, das du benennen könntest, sondern eine ganze Reihe traumatischer Vorfälle.
Entwicklungstrauma liegt im Gegensatz dazu in der chronischen Abwesenheit von Sicherheit, verlässlicher Bindung und emotionaler Resonanz über Jahre hinweg. Das bestimmt deine Selbstorganisation, also die Art, wie du Beziehungen erlebst, wie du mit Gefühlen umgehst und wie du dich selbst siehst.
Entwicklungstrauma im Sinne von chronischer emotionaler Vernachlässigung und fehlender Bindung zählt nach ICD-11 genau deshalb nicht zur kPTBS, weil psychosoziale Vernachlässigung als Ursache ausdrücklich ausgeschlossen ist.
Wenn du mit Entwicklungstrauma beim Arzt oder in der Klinik bist, bekommst du meist andere Diagnosen.
Rezidivierende Depression, weil du dich seit Jahren erschöpft und leer fühlst. Anpassungsstörung, weil du mit Belastungen maximal zwei Jahre nicht zurechtkommst; danach ist es keine Anpassungsstörung mehr, sondern wird als Depression oder Dysthymia diagnostiziert.
Oder sogar als Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung, weil deine Beziehungsmuster und dein Umgang mit Gefühlen auffällig sind.
All diese Diagnosen beschreiben, was heute konkret sichtbar ist, aber sie erfassen nicht, woher es kommt. Das Entwicklungstrauma selbst taucht in den Diagnosemanualen nicht auf und wurde in Fachkreisen lange Zeit kaum behandelt; erst in den letzten Jahren rückt es mehr ins Bewusstsein.
Therapieverfahren bei Entwicklungstrauma
Die Krankenkassen bewilligen das entsprechende Verfahren nach der Psychotherapie-Richtlinie. Welche Therapie du bekommst, richtet sich also nach deiner Diagnose.
Wenn bei dir rezidivierende Depression diagnostiziert wurde, werden Verfahren bewilligt, die sich dafür bewährt haben. Bei einer Anpassungsstörung hat sich etwas anderes bewährt und bei den Persönlichkeitsstörungen gibt es wiederum andere Verfahren.
Das Entwicklungstrauma, das dahinter liegt, taucht in dieser Logik nicht auf. Die Therapie behandelt also nur die sichtbaren Symptome und nicht das, was diese Symptome ursprünglich ausgelöst hat.
In der Praxis treten diese Störungsbilder selten isoliert auf, sondern komorbid, das heißt gleichzeitig nebeneinander. Du hast vielleicht eine rezidivierende Depression, dazu den Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung, und möglicherweise auch noch konkrete traumatische Ereignisse, die als PTBS oder kPTBS diagnostiziert werden können.
Deshalb kommen je nach deiner spezifischen Diagnose und Symptomatik unterschiedliche Therapieverfahren in Betracht – aber nicht jedes Therapieverfahren passt zu dem, was du als Entwicklungstrauma erlebt hast.
Dialektisch-Behaviorale Therapie DBT
Nehmen wir an, du kommst in eine Tagesklinik oder psychosomatische Klinik und dort werden dir DBT Skills vermittelt. Denn die Dialektisch-Behaviorale Therapie DBT ist eines der Verfahren, das häufig bei emotionaler Instabilität und Krisensituationen eingesetzt wird.
Marsha Linehan entwickelte DBT ursprünglich für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung, da die zuvor verfügbaren Therapieverfahren sich bei dieser Patientengruppe als kontraproduktiv erwiesen hatten.
DBT arbeitet mit einem dialektischen Ansatz, also mit scheinbaren Gegensätzen, die beide wahr und miteinander vereinbar sind. Deine Symptome sind echt und berechtigt – und gleichzeitig kannst du lernen, anders damit umzugehen.
DBT vermittelt dir also konkrete Fertigkeiten, sogenannte Skills, für den Umgang mit starken Gefühlen und Krisensituationen. Diese helfen dir dabei, dysfunktionale Strategien zu ersetzen und sind besonders wertvoll in akuten Krisen. Aber solange deine frühen Beziehungsmuster aus dem Entwicklungstrauma unbearbeitet bleiben, kommen die Krisen immer wieder.
DBT wird von Psychologischen Psychotherapeuten als Kassenleistung mit dem Richtlinienverfahren Verhaltenstherapie angeboten.
NeuroAffektives Beziehungsmodell NARM
NARM sieht deine Symptome als Überlebensstrategien aus der Kindheit, also als Antworten auf das, was du damals erlebt hast und nicht verarbeiten konntest. Die Therapie arbeitet nicht mit Skills, sondern mit dem, was gerade in der Beziehung zwischen dir und deinem Therapeuten geschieht.
Vielleicht erzählst du von einer belastenden Situation und merkst gar nicht, dass du dabei lächelst. Der Therapeut macht dich darauf aufmerksam. Oder du ziehst dich zurück, sobald er etwas Wertschätzendes sagt, und genau diese Distanz wird zum Thema. Dein Muster zeigt sich nicht als Erinnerung – sondern genau jetzt, im Kontakt.
Während DBT dir Skills vermittelt, um mit deinen Symptomen umzugehen, arbeitet NARM durch die therapeutische Beziehung an den zugrundeliegenden Mustern.
NARM verbindet Erkenntnisse aus Bindungstheorie, Entwicklungspsychologie und Traumaforschung und arbeitet mit fünf zentralen Lebensthemen: Kontakt, Einstimmung (auf Bedürfnisse und Gefühle), Vertrauen, Autonomie sowie Liebe und Sexualität.
Meine Arbeit orientiert sich stark an diesem Ansatz, weil ich immer wieder sehe, wie sehr Menschen mit Entwicklungstrauma genau diese Form der Beziehungsarbeit brauchen.
NARM ist eine Zusatzqualifikation, die Psychologische Psychotherapeuten in die von den Krankenkassen bezahlten Richtlinienverfahren integrieren können. Bei deiner Therapeutensuche kannst du gezielt nach NARM-Erfahrung fragen.
Kognitiv-Behaviorales Analyse-System der Psychotherapie CBASP
Lass uns jetzt annehmen, du leidest schon seit Jahren an Depression, die nicht wirklich weggeht, trotz vieler Therapieversuche. Deine Depression hat früh begonnen, Beziehungen fallen dir schwer, und du ziehst dich immer mehr zurück.
CBASP wurde speziell für chronische Depression entwickelt und arbeitet gezielt mit der Verbindung zwischen frühen prägenden Beziehungserfahrungen und heutigen zwischenmenschlichen Mustern.
CBASP geht davon aus, dass chronische Depression oft ihre Ursache in frühen Beziehungsverletzungen hat. In dieser Therapieform werden frühe Beziehungserfahrungen systematisch mit dem verbunden, was heute zwischen einem selbst und anderen Menschen im Kontakt passiert. Es behandelt nicht nur die Symptome, sondern zeigt konkret, welche Überzeugungen aus der Vergangenheit heute Kontakt und Beziehungen sabotieren. Durch strukturierte Situationsanalysen wird Schritt für Schritt vermittelt, wie man aus automatischen Mustern aussteigen kann.
Anders als NARM, wo der Therapeut aus seiner Haltung heraus dem folgt, was sich in jedem Moment neu zeigt, arbeitet CBASP strukturiert und direktiv mit einem klaren Plan. Der Therapeut leitet dich aktiv an, gibt dir gezieltes Feedback zu deiner Wirkung auf ihn, analysiert mit dir Situationen Schritt für Schritt und nutzt den Kontakt bewusst als Übungsfeld für neue Verhaltensweisen. Zentrale Werkzeuge sind die Liste prägender Bezugspersonen aus deiner Vergangenheit und die Situationsanalyse, mit der du lernst, deine automatischen Muster zu erkennen und zu verändern.
Im Unterschied zu NARM, das ganzheitlich mit Bindungsmustern und Selbstorganisation arbeitet, konzentriert sich CBASP auf konkrete zwischenmenschliche Situationen und deren Analyse. Die Therapie geht davon aus, dass frühe Verletzungen dazu geführt haben, dass du Schwierigkeiten hast, die Perspektive anderer einzunehmen und zu erkennen, wie dein Verhalten auf andere wirkt. CBASP nennt das eine Entwicklungsblockade in der sozialen Wahrnehmung.
CBASP wird von Psychologischen Psychotherapeuten als Kassenleistung im Rahmen von Verhaltenstherapie angeboten.
Traumatherapie für Schocktrauma
Traditionelle Traumatherapie wird bei Schocktrauma angewendet. Das belastende Ereignis wird in der Therapie wiederholt bearbeitet, bis es an emotionaler Wirkung verliert und als abgeschlossen gelten kann.
Bei Entwicklungstrauma funktioniert das oft nicht, weil die frühen Beziehungserfahrungen keine isolierten Ereignisse sind, sondern vielmehr das Fundament bilden, auf dem spätere traumatische Erlebnisse erst möglich wurden.
Zu den bekanntesten Verfahren für Schocktrauma gehören EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), bei dem durch Augenbewegungen oder andere bilaterale Stimulation die Verarbeitung des traumatischen Ereignisses im Gehirn angeregt werden soll. Während du dich auf das belastende Ereignis konzentrierst, folgst du mit den Augen den Bewegungen des Therapeuten, wodurch die Erinnerung ihre emotionale Wirkung verlieren soll. Dieser Vorgang wird mehrfach wiederholt und soll letztendlich zu einer Desensibilisierung gegenüber dem ursprünglich belastenden Ereignis führen.
Bei Prolonged Exposure (verlängerte Konfrontation) setzt du dich wiederholt und ausführlich der traumatischen Erinnerung aus, indem du das Erlebte detailliert erzählst oder aufschreibst. Anders als bei EMDR gibt es hier keine bilaterale Stimulation, sondern die wiederholte Konfrontation selbst soll dazu führen, dass die Angst und Belastung mit der Zeit abnehmen. Du lernst, dass die Erinnerung selbst nicht gefährlich ist, auch wenn sie sich so anfühlt.
Allerdings werden wiederholte Konfrontationen in Fachkreisen auch kritisch gesehen. Die Wiederholung kann die Belastung auch verstärken. Bei Entwicklungstrauma, wo es nicht um ein einzelnes Ereignis geht, sondern um chronische Beziehungserfahrungen, macht das ständige Wiedererleben das Trauma oft noch präsenter, ohne die eigentlichen Muster zu verändern.
Somatic Experiencing (SE) geht einen anderen Weg: Hier arbeitest du nicht mit wiederholter Erinnerung, sondern mit den Körperempfindungen. Das Trauma wird als unvollendete Reaktion im Nervensystem verstanden. Durch achtsames Wahrnehmen und Pendeln zwischen belastenden und ressourcenvollen Erinnerungen sowie den dadurch ausgelösten Körperempfindungen soll diese blockierte Energie gelöst und das Nervensystem reguliert werden.
Auch SE kommt bei Entwicklungstrauma an seine Grenzen: Wenn das Trauma nicht in einem konkreten Ereignis mit unvollendeter Reaktion liegt, sondern in der chronischen Abwesenheit von Bindung und Sicherheit, gibt es keine blockierte Energie, die gelöst werden könnte. SE beruhigt das Nervensystem, aber deine Überzeugungen über dich selbst und andere, deine Art Kontakt herzustellen oder zu vermeiden, verändert sich dadurch nicht zwangsläufig.
Traumatherapie für Entwicklungstrauma
Bei Entwicklungstrauma liegt das Trauma in jahrelangem Erleben von Angst, Einsamkeit und dem Gefühl, nicht gesehen zu werden. Diese Erfahrungen haben geprägt, wie du heute Beziehungen erlebst, mit deinen Gefühlen umgehst und dich selbst siehst.
Solche Prägungen werden in der psychiatrischen Diagnostik oft als Persönlichkeitsstörung klassifiziert. Die Diagnose beschreibt deine Symptome als stabile Persönlichkeitsmerkmale. Die Traumaperspektive sieht dasselbe anders – nicht als feste Struktur, sondern als Anpassung an das, was du erleben musstest. Und was als Anpassung entstanden ist, kann sich in neuen Beziehungserfahrungen auch wieder verändern.
Oft setzt sich dieses Muster von Prägungen und Anpassung über Generationen fort als multigenerationales Trauma. Eltern geben ihre eigenen Erfahrungen weiter, können jedoch Sicherheit, Bindung und emotionale Resonanz nicht vermitteln, weil sie es selbst nie erfahren haben.
Wenn du also versuchst, etwas zu verarbeiten, das keine konkrete Form hat und wofür du keine Worte hast, weil es aus vorsprachlicher Zeit stammt, braucht es einen anderen Weg. Du kannst vielleicht die späteren traumatischen Erlebnisse beschreiben, aber die eigentliche Ursache liegt viel früher. Wenn du dich nur diesen späteren Erlebnissen therapeutisch aussetzt, wird die Belastung überwältigend. Zuerst braucht es die Erfahrung, dass Beziehung und Kontakt dich nähren können.
Deshalb braucht es bei Entwicklungstrauma nicht nur Verarbeitung, sondern die neue Erfahrung, dass Beziehung dich trägt, dass deine Gefühle bei dir und anderen willkommen sind, dass deine Bedürfnisse da sein dürfen. Das passiert nicht durch ein bestimmtes Verfahren, sondern dadurch, dass du es immer wieder erlebst – in der Therapie und idealerweise auch in deinen anderen Beziehungen.
Bei Entwicklungstrauma geht es darum, nachträglich das zu lernen, was früher nicht möglich war. Das geschieht durch neue Beziehungserfahrungen in der Einzeltherapie. Oder auch in Seminaren, durch systemische Therapie oder Aufstellungsarbeit, die Familienmuster sichtbar macht. Diese Ansätze haben alle eines gemeinsam: Sie nähren nach, was dir gefehlt hat.
Entscheidend ist nicht das einzelne Verfahren, das Symptomreduktion verspricht, sondern dass du einen Therapeuten findest, zu dem du Vertrauen hast. In meiner Arbeit mit Menschen, die Entwicklungstrauma erlebt haben, zeigt sich immer wieder: Die Beziehung selbst ist die Therapie.
Genau deshalb arbeite ich mit bindungsorientierter Traumatherapie.
