In den letzten Supervisionssitzungen wurden diese beiden Fälle vorgestellt. Eine Patientin, die an einem Sexpositiven Temple Retreat teilgenommen hatte, und das Paar, wo jeder einzeln bei einem Initiations-Workshop für Männer und Frauen war, um die Beziehung damit zu retten.
Was Sie hier lesen, ist wieder ein fiktives Fallbeispiel, das als Lehrmaterial dient.
Heute bringt Katja einige Fragen zu einem Weiterbildungsangebot in Atemarbeit mit, das sie für ihre eigene berufliche Weiterentwicklung als Pädagogin nutzen möchte.
Teilnehmende:
- Dr. Weber (Supervisorin, 58, Tiefenpsychologin, 30 Jahre Erfahrung)
- Laura (Kollegin, 42, Traumatherapeutin)
- Nina (neue Kollegin, 47, Körperpsychotherapeutin, ausgebildet u. a. in Gestalttherapie und unterschiedlichen Breathwork-Richtungen)
- Jonas (22, erwägt ein Studium der Psychologie oder Medizin mit Ziel Psychiatrie, hospitiert für ein paar Wochen zur Orientierung in der Praxis von Frau Dr. Weber)
- Katja, (39, Sozialpädagogin, mit Zusatzausbildung in Erlebnispädagogik, arbeitet in einer Beratungsstelle für junge Erwachsene)
Mit Breathwork zu mehr Clarity?
Dr. Weber: Guten Morgen zusammen. Bevor wir anfangen, möchte ich kurz Jonas begrüßen, der heute bei uns hospitiert. Jonas, magst du dich kurz selbst vorstellen?
Jonas: Ja, hi zusammen. Also, ich bin der Jonas und ich überleg gerade, ob ich Psychologie oder Medizin studieren soll, eventuell später Richtung Psychiatrie. Bevor ich mich da festlege, wollt ich mir mal live angucken, wie das in der Praxis eigentlich abläuft, deshalb schau ich gerade bei ein paar verschiedenen Stationen vorbei. Fachlich kann ich wahrscheinlich noch nicht so viel beitragen, aber ich hör gern zu.
Dr. Weber: Katja, magst du uns erzählen, worum es bei deinem Anliegen geht?
Katja: Ich habe eine Frage, die mich seit ein paar Tagen beschäftigt. Ich habe letzte Woche so eine Werbemail bekommen... das war ein Newsletter für einen sechstägigen Atem-Workshop, Quantum Light Breath, kurz QLB. Da steht drin, man könnte sich damit schneller aus Sorgen und emotionalen Tiefs befreien, sogar von "intensiv, aber nie konfrontativ" war die Rede. Am Ende gibt es sogar ein Zertifikat, dann darf man das selbst anleiten.
Und ehrlich gesagt, das interessiert mich schon. Ich hab öfter Klienten, die gedanklich einfach nicht aus alten Geschichten rauskommen und sich immer wieder im Kreis drehen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ihnen Breathwork dabei helfen könnte, aus dem Gedankenkarussell endlich auszusteigen. Aber eigentlich weiß ich noch gar nicht genau, wie man das überhaupt einsetzt. Und wofür wurde QLB ursprünglich entwickelt?
Nina: Moment, den Newsletter kenn ich auch! Ich hab den letzte Woche auch bekommen, und mich richtig geärgert, wegen dem Clarity Deep Dive und dem ganzen Eso-Neusprech, mit dem man da zugetextet wird. Die Auflistung der Vorteile, tiefe Entspannung, weniger Stress, erfüllte Beziehungen, könnte doch genauso gut für Yoga oder Meditation stehen, das sagt ja gar nichts Spezifisches über die Methode selbst aus.
Laura: Das ist in der Szene so üblich, die Begriffe mein ich, Deep Dive und so... das klingt bei jedem dieser Anbieter fast identisch. Ich frag mich manchmal, ob die sich ihre Werbetexte immer vom selben Copywriter schreiben lassen.
Katja: Kann gut sein... Aber ist da fachlich etwas dran bei der ganzen Breathwork-Bewegung? Mir begegnet das in letzter Zeit immer öfter.
Ausstieg aus dem Gedankenkarussell
Nina: Fachlich steckt da tatsächlich so einiges dahinter, nur eben nicht das, was die Werbung suggeriert. Im Kern geht es fast immer um denselben Mechanismus, also um intensives Atmen über eine längere Zeit, mal mit Atempausen zwischendurch, oder auch mal ohne Atempausen.
Dr. Weber: Wie denn jetzt? Mit oder ohne? Kannst Du uns das genauer beschreiben?
Nina: Naja, bei Breathwork gibt es komplett unterschiedliche Richtungen, die physiologisch völlig verschieden wirken. Es gibt Verfahren, die auf verlangsamtes, reduziertes Atmen setzen, mit langen Pausen, das orientiert sich zum Beispiel an Buteyko¹.
Dr. Weber: Das war doch der Arzt in Russland, der mit dieser speziellen Atem-Therapie?
Nina: Ja, Konstantin Buteyko war russischer Arzt und hat bereits in den fünfziger Jahren an sich selbst beobachtet, dass seine eigene Bluthochdruckproblematik mit seiner Neigung zu Überatmung zusammenhing. Er hat daraus eine Methode entwickelt, die auf eine Reduzierung des Atemvolumens setzt, um mehr CO2 im Körper zu halten.
Katja: Klingt fast wie das Gegenteil von Quantum Light Breath.
Nina: Ist es auch. Buteyko will die Atmung reduzieren, um die CO2-Toleranz zu erhöhen, das wirkt beruhigend, eher parasympathisch aktivierend. Bei QLB und den verwandten Verfahren passiert genau das Gegenteil, dort wird möglichst viel und schnell geatmet, dadurch sinkt der CO2-Gehalt im Blut ab, der pH-Wert verschiebt sich ins alkalische Milieu, respiratorische Alkalose, und das aktiviert eher den Sympathikus in Richtung Stressreaktion. Nur ist das den wenigsten Anbietern in dieser Klarheit bewusst. Die wissen oft selbst nicht so genau, was da physiologisch abläuft, die kennen nur den erlebten Effekt, nicht den Mechanismus dahinter.
Dr. Weber: Bevor wir tiefer einsteigen, wäre es glaub ich hilfreich, wenn du es für uns kurz sortierst, Nina. Es gibt offenbar mehrere Richtungen, die alle unter Breathwork laufen, aber ganz unterschiedlich funktionieren. Kannst du uns da mal eine kleine Übersicht geben, bevor wir bei QLB im Detail weitermachen?
Nina: Klar, gerne. Also das sind zwei große Richtungen. Die eine reduziert die Atmung. Buteyko gehört da rein, auch klassisches Pranayama² wie beim Yoga, oder die Kohärenzatmung mit nur sechs Atemzügen pro Minute. Läuft alles nach dem Prinzip der LSD-Atmung³, also Light, Slow, Deep... eine langsame, tiefe Bauchatmung. Die andere Richtung verstärkt und beschleunigt die Atmung. Dadurch sinkt der CO2-Gehalt im Blut, der pH-Wert verschiebt sich ins alkalische Milieu, und es kann zu psychedelischen Bewusstseinszuständen kommen. Dazu gehören Holotropes Atmen von Stanislav Grof, Rebirthing von Leonard Orr, die Wim Hof Methode, und eben auch Quantum Light Breath von Jeru Kabbal⁴. Die sind von der physiologischen Wirkung sehr ähnlich, unterscheiden sich jedoch in der spirituellen oder therapeutischen Verpackung.
Jonas: LSD Methode? Das ist ja lustig, weil ich war da mal bei einer Breathwork Veranstaltung in Berlin, und die haben das komplett anders herum gesehen. Breathwork als LSD-Ersatz halt. Intensives Atmen sollte dabei die gleiche Wirkung wie LSD herbeiführen. Jedenfalls war das der Grund für mich, das mal auszuprobieren.
Eine Zeitreise in die Vergangenheit
Katja: Aber worum geht es denn bei QLB genau, im Unterschied zu den anderen?
Laura: Ja, das wüsste ich ehrlich gesagt auch gerne genauer. Was mich dabei aus Trauma-Sicht eher beunruhigt, ist der Ursprung der ganzen Bewegung. Stanislav Grof, Jeru Kabbal, Leonard Orr, die kommen wirklich alle aus derselben Zeit der siebziger Jahre. Und sie hatten dieselbe Grundannahme: je heftiger die Erfahrung, desto mehr löst sich, und umso größer die Heilung. Katharsis als Ziel, richtig laut schreien, weinen, alles raus lassen... das galt damals als Zeichen, dass endlich was in Bewegung kommt.
Dr. Weber: Das war ja auch lange in humanistischen und körperorientierten Richtungen verbreitet, wie bei Reich, in der Gestalttherapie, und eben besonders stark seit der Osho⁵ Bewegung und was davon in den Tantra-Seminaren in der Szene so übernommen wurde.
Laura: Genau, und das ist ja auch kein Zufall. Kabbal war selbst zeitweise unter dem Namen Swami Anand Santosh in der Osho Bewegung unterwegs, bevor er später unter dem Namen Jeru Kabbal bekannt wurde. Katharsis war damals ein zentrales Element in dieser Bewegung, aber worum es Kabbal eigentlich ging, war eher ein Weg zu geistiger Klarheit.
Katja: Das heißt, Quantum Light Breath geht also indirekt auch auf Osho zurück?
Laura: Zumindest personell und ideologisch, ja. Und was die damals alle gemeinsam hatten, egal ob Osho, Grof oder Kabbal, war diese Grundannahme: je heftiger die Erfahrung, desto mehr löst sich, und umso größer ist die Heilung.
Jonas: Krass, also Kabbal war quasi selbst mal bei Osho? Ich dachte immer, das wäre alles unabhängig voneinander entstanden. Und bei der Breathwork Session, wo ich in Berlin mit dabei war, wurden übrigens nicht nur LSD-ähnliche Bewusstseinszustände, sondern auch Traumaheilung versprochen. Das war im Wamos Zentrum, irgendwo Nähe Hasenheide, in einem Hinterhof-Loft.
Laura: hellhörig Warte, Wamos? Das ist ja fast schon komisch, dass diese Szene immer noch genauso fortbesteht. Das ist quasi eine der zentralen Osho-Adressen in Berlin, da läuft noch immer die dynamische Meditation und auch die AUM Meditation, die auf Veeresh⁶, einen der Osho Schüler zurückgeht.
Jonas: Echt jetzt? Das wusste ich gar nicht. Ich dachte, das wäre einfach nur so ein Yoga-Loft.
Laura: Nee, das ist typisch für diese Szene. Zeigt eigentlich ganz gut, wie klein diese Welt ist. Breathwork, Osho-Meditation, Tantra, das läuft da immer noch. Aber die AUM geht übrigens auf Veeresh zurück. Der war von vierzehn bis achtundzwanzig heroinabhängig, hat dann eine Entzugstherapie gemacht und ist danach selbst Suchttherapeut geworden.
Jonas: Cringe, vom Junkie zum Meditationsguru. Aber wofür wurde jetzt QLB entwickelt?
Dr. Weber: Das kann ich dir tatsächlich sagen, ich hab mir das mal angeschaut, weil mich das selbst interessiert hat. Jeru Kabbal ging davon aus, dass das Unterbewusstsein wie ein riesiger Computer funktioniert, der jede belastende Erfahrung seit der Geburt abspeichert, und zwar so, als würde sie immer noch fortlaufend stattfinden. Über seine Atem-Technik soll man dann lernen zu erkennen, dass nur die Gegenwart real ist. Die Vergangenheit existiert nicht mehr. Die Erinnerungen nennt er Fantasien, die uns schaden, wenn wir weiter an sie glauben.
Katja: Das heißt, man soll einfach aufhören, an seine Vergangenheit zu glauben?
In nur sechs Tagen bis zur Clarity!
Dr. Weber: So ungefähr, ja. Allerdings gehen wir heute davon aus, dass die Bewältigung nicht über das Verleugnen oder Weg-Atmen von alten Erinnerungen funktioniert.
Laura: Genau, denn wir wissen heute eben, dass es auch aus traumatherapeutischer Sicht so nicht stimmt. Eine heftige Abreaktion ist nicht automatisch Verarbeitung. Das kann genauso gut nur eine Retraumatisierung sein, vor allem wenn es keine gute Integration gibt. Die ganze Generation hat damals einfach nur Intensität mit Wirksamkeit verwechselt.
Jonas: Ich checks irgendwie nicht. Heißt das jetzt, je krasser das Erlebnis war, desto weniger hat es eigentlich gebracht? Und für was soll dann überhaupt das Zertifikat gut sein, wenn man damit andere Leute anleiten darf, ohne dass es denen hilft?
Katja: Für meine Klienten wäre Quantum Light Breath dann wohl die falsche Methode, oder?
Nina: Ich würde eher eine fundierte Breathwork Ausbildung machen, Richtung Buteyko. Das würde deinen Klienten wahrscheinlich sogar noch mehr helfen. Oder ganz normal Pranayama, wie in einer Yogalehrer-Ausbildung.
Dr. Weber: Bei aller berechtigten Kritik an diesem Modell, mich würde trotzdem interessieren, wie das praktisch überhaupt abläuft. Was passiert da bei Quantum Light Breath genau?
Nina: Es ist eine einstündige Atemmeditation, meistens im Sitzen, in der Gruppe. Man atmet anfangs lange und tief, dann kommt eine Phase schnellerer, verstärkter Atmung, begleitet von Musik und der Stimme des Anleiters. Entwickelt hat das Jeru Kabbal, stark beeinflusst von der Vipassana-Meditation und kombiniert mit Elementen des Holotropen Atmens, vermutlich in den achtziger oder frühen neunziger Jahren in Marin County, Kalifornien. Auf den Original-Aufnahmen begleitet Kabbals Stimme den ganzen Prozess durchgehend, mal auffordernd, mal beruhigend. Durch das verstärkte, tiefe Atmen sollen psychische Abwehrmechanismen überbrückt werden. Dabei können Gefühle und innere Bilder geweckt werden, die an alte, verdrängte Erfahrungen anknüpfen, die Meditation kann stark kathartisch wirken und zu intensiven Gefühlsausbrüchen führen.
Dr. Weber: Und was passiert danach mit den Teilnehmern? Gibt's da eine Nachbesprechung, eine Einordnung, oder ist nach der Stunde einfach Schluss? Gibt es Studien zur Wirksamkeit?
Laura: Nachbesprechung im engeren Sinn gibt's meines Wissens nicht wirklich, jedenfalls nicht strukturiert. Man liegt danach noch kurz rum, vielleicht ein, zwei Minuten in Stille, und dann ist die Stunde auch schon vorbei. Da gibt es keine Integration im therapeutischen Sinn, in der das Erlebte besprochen wird. Zumindest nicht, wenn man sich zuhause eine der original Quantum Light Breath CDs anhört. QLB ist also nicht auf angeleitete Veranstaltungen begrenzt, das geht auch alleine zuhause.
Nina: Studien gibt es dazu praktisch keine, ich hab das recherchiert. Mehrere unabhängige Nachschlagewerke sagen dasselbe, es liegt keine wissenschaftliche Evaluierung der Methode vor. Keine kontrollierten Studien, weder zur Wirksamkeit noch zur Sicherheit, nur Berichte von Leuten, die an so einer QLB Session teilgenommen haben.
Dr. Weber: Wenn es noch nicht mal Studien zur Wirksamkeit gibt, dann vermutlich auch keine zur Indikation. Wer darf da eigentlich überhaupt mitmachen, also teilnehmen oder anleiten?
Nina: In meiner eigenen Breathwork Ausbildung wurden ganz klar Kontraindikationen benannt, unbehandelter Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit, Epilepsie, psychische Vorerkrankungen wie bipolare Störung, und Schwangerschaft. Im Zweifel sollte jemand aus dieser Risikogruppe lieber nicht teilnehmen.
Laura: Nicht nur bei bipolarer Störung, sondern generell bei Menschen mit stärkeren Traumafolgestörungen, die ohnehin schon zu Dissoziation neigen, ist sowas heikel.
Nina: Ich hab mir das tatsächlich nochmal genauer angeschaut, also die Informationen in den Teilnahmebedingungen zu dem in der Mail beworbenen QLB Workshop. Darin steht wörtlich, dass es ein intensives Selbsterfahrungs-Seminar sei und dass es keinen Ersatz für eine ärztliche Behandlung darstellt. Interessenten, die derzeit Psychopharmaka nehmen, sollten von einer Teilnahme absehen.
Dr. Weber: Das ist doch schon mal was, auch wenn das kein wirkliches Screening ist.
Nina: Naja, im Zweifel sollen Interessenten wegen gesundheitlicher Probleme einfach das Vorgespräch mit der Seminarleitung suchen, mehr nicht. Da findet kein konkreter Ausschluss wie in meiner Ausbildung statt, kein Bluthochdruck, keine Epilepsie, keine Herzerkrankung, nur dieser eine pauschale Satz zu Psychopharmaka. Ich hab mir dazu das offizielle QLB Handbuch angeschaut, da gibt es tatsächlich sogar ein eigenes Kapitel, wer QLB nicht praktizieren sollte.
Katja: Und wie ist das rechtlich abgesichert, für den Fall, dass doch was passiert?
Nina: Na, so wie immer bei solchen Seminaren. Es heißt dort ausdrücklich, man übernimmt die volle Verantwortung für sich und seine Handlungen für die gesamte Dauer des Seminars, und Veranstalter, Kursleiter und Assistenten werden von sämtlichen Haftungs-, Schadensersatz- und Genugtuungsansprüchen freigestellt, soweit das gesetzlich möglich ist. Und im Handbuch zur Methode steht wörtlich, die Durchführung der Atemmeditation geschieht immer in eigener Verantwortung. Also verschiebt sich die ganze Verantwortung auf den Teilnehmenden selbst, statt dass der Veranstalter aktiv Risikogruppen ausschließt.
Dr. Weber: Und dann bekommt man nach sechs Tagen ein Zertifikat und darf selbst als Laie andere anleiten? Einfach so?
Nina: In meiner Ausbildung wäre das undenkbar gewesen. Da wird empfohlen, erst mal sechs eigene Atemreisen in kleinen Gruppen zu leiten. Unter Anleitung, mit Feedback. Erst danach wagt man sich an größere Gruppen.
Dr. Weber: Das ist schon ein deutlicher Unterschied. Man sollte sich solche Formate wohl genauer anschauen, nicht nur die einzelne Methode. Wo kommt das eigentlich alles her?
Clarity über den Zeitgeist der Bewegung
Nina: Das ist eigentlich weniger eine einzelne Ursprungsgeschichte. Eher Zeitgeist oder ein geistesgeschichtlicher Nährboden, auf dem diese Katharsis-Idee damals überhaupt erst so richtig wachsen konnte. Das führt eigentlich direkt zum Esalen Institut⁷ in Big Sur, Kalifornien. Gegründet wurde das 1962 und war quasi der Knotenpunkt für die gesamte Human Potential Bewegung. Und Fritz Perls⁸, der Begründer der Gestalttherapie, ist Mitte der sechziger Jahre dort hingezogen und wurde ziemlich schnell zum eigentlichen Zugpferd der Bewegung, obwohl er sich intern mit fast jedem angelegt hat, mit den Gründern, mit anderen bekannten Leuten dort, sogar mit Abraham Maslow⁹.
Katja: Klingt fast so, als wärst du kein großer Fan von Fritz Perls.
Nina: lacht kurz, dann ernster Ehrlich, dem hätte ich gern mal gehörig die Meinung gesagt. Fachlich war er brillant, keine Frage, aber menschlich voll der Arsch. Der hat sich selbst in seiner eigenen Autobiografie als dirty old man bezeichnet. Perls hatte immer wieder Affären mit Klientinnen und in seinen berühmten Hot Seat Sitzungen hat er die Menschen öffentlich beschimpft als bitch oder shithead. Sowas geht einfach mal gar nicht.
Laura: Ehrlich, das klingt für mich weniger nach Genie und mehr danach, wie Fritz Perls seine narzisstischen Bedürfnisse befriedigt hat. Grenzüberschreitungen bei Klientinnen sind ja nun wirklich kein Kavaliersdelikt, damals nicht und heute erst recht nicht.
Nina: Genau das haben ihm auch damals schon Kollegen vorgeworfen, hit and run Therapie, viel Effekt, keine Nachbetreuung. Sogar Irvin Yalom¹⁰ hat über ihn gesagt, das könne unnötiges Leid auslösen, weil ihm der Effekt wichtiger war als die eigentliche Hilfe.
Katja: Und Perls hat trotzdem eine ganze Bewegung geprägt?
Nina: Genau das ist ja das Absurde. Fachlich einflussreich, aber menschlich problematisch. Genau diese Mischung von Charisma und Grenzüberschreitung war damals der Zeitgeist der ganzen Esalen Generation.
Katja: Das erklärt tatsächlich einiges. Aber ehrlich, jetzt verstehe ich gar nicht mehr, warum mich diese Mail überhaupt so angesprochen hat. Ich dachte, das wäre schnell und wirksam, genau das, was ich für meine jungen Klienten brauche. Aber wenn ich mir vorstelle, ich hätte nach sechs Tagen selbst meine Gruppe angeleitet und müsste mit den Gefühlsausbrüchen umgehen, ohne dafür wirklich ausgebildet zu sein... das wäre komplett verantwortungslos.
Dr. Weber: Ich glaube, das ist eine gute Stelle, um für heute zu schließen.
Katja: Ja, danke euch allen, das war jetzt echt viel mehr Stoff, als ich erwartet hatte. Buteyko fand ich richtig interessant, das schau ich mir vielleicht nochmal genauer an, das könnte für meine Klienten wirklich passen. Beruhigen statt aufwühlen wär mir viel wichtiger als diese Erlebnis-Formate aus der Eso-Szene für die Clarity.
[Die Gruppe packt zusammen und verabschiedet sich.]
Kostenloses Erstgespräch
Dieser Fall ist fiktiv, das Thema dahinter ist es nicht. Immer wieder begegnen mir Menschen, die nach intensiven Selbsterfahrungsformaten wie Quantum Light Breath (QLB), Holotropem Atmen oder ähnlichen Workshops emotional destabilisiert sind.
Genauso oft erlebe ich Kolleginnen und Kollegen aus pädagogischen und beratenden Berufen, die selbst erwägen, ein solches Format in ihre Arbeit zu integrieren, und dabei unsicher sind, ob sie mit intensiven emotionalen Reaktionen bei ihren Klienten sicher umgehen könnten, so wie Katja im Fallbeispiel.
Als Heilpraktiker für Psychotherapie in München biete ich Ihnen ein kostenloses Erstgespräch zur Klärung Ihrer Fragen an. Wählen Sie gerne einen passenden Termin aus:
Buteyko¹: Konstantin Pawlowitsch Buteiko (1923–2003) diente vor seinem Medizinstudium als Mechaniker im Zweiten Weltkrieg und wandte sich danach dem menschlichen Körper als "komplexester Maschine" zu. Seine Atemtherapie zur Behandlung von Asthma und anderen Zivilisationskrankheiten wurde in der Sowjetunion zunächst als Quacksalberei abgetan und erst 1981 offiziell zugelassen. Mehr dazu auf Wikipedia
Pranayama²: Klassisches Pranayama kennt sowohl intensive, aktivierende Atemtechniken wie Bhastrika oder Kapalbhati, die den Körper bewusst stark stimulieren, als auch beruhigende, verlangsamende Techniken wie Nadi Shodhana (alternierende Nasenatmung) oder Samaveta Pranayama, die auf Entspannung und einen ruhigen, gleichmäßigen Atemfluss zielen. Traditionelle Systeme wie das der Bihar School of Yoga bauen die intensiveren Techniken über Jahre und viele aufeinander aufbauende Lektionen auf, mit klar definierten Kontraindikationen (etwa Bluthochdruck, Schwindel, Hernien) und expliziter Warnung vor "verfrühten Versuchen fortgeschrittener Stufen". Mehr dazu im Original von Swami Satyananda Saraswati
LSD-Atmung³: Der Begriff wird in der Breathwork-Szene doppeldeutig verwendet. Populär gemacht hat die Eselsbrücke für Light, Slow, Deep vor allem der Journalist James Nestor mit seinem Bestseller "Breath", das eine leichte, langsame, tiefe Bauchatmung beschreibt, wie sie auch Buteyko-Prinzipien zugrunde liegt, ohne dass Buteyko selbst diesen Begriff geprägt hat. Bei den intensivierenden Methoden wie Holotropem Atmen (Stanislav Grof), Rebirthing (Leonard Orr) oder Quantum Light Breath wird die Abkürzung dagegen umgangssprachlich von der Szene mit der Droge LSD assoziiert; das intensive Atmen soll psychedelische Zustände auf legalem Weg herbeiführen. Die Wim-Hof-Methode zählt ebenfalls zu den intensivierenden Verfahren, wurde aber erst in den 2010er Jahren populär, deutlich später als die anderen genannten Techniken aus den 1970er Jahren.
Jeru Kabbal⁴: Geboren als Richard Dorin Shoulders (1930–2000). In seinem Text aus den frühen 1990er Jahren beschreibt der amerikanische Mystiker das Unterbewusstsein als riesigen Computer, der jede traumatische Erfahrung seit der Geburt speichert. Für das Unterbewusstsein sind die Erinnerungen jedoch keine abgeschlossenen Ereignisse aus der Vergangenheit, sondern es verhält sich dabei wie ein Kind vor dem Fernseher, das alles für bare Münze nimmt, was es sieht. Seine zentrale These: Nur das Jetzt ist real, während Erinnerungen nur Fantasien sind, die einem schaden, wenn man an sie glaubt.
Osho⁵: Bhagwan Shree Rajneesh, später Osho genannt (1931–1990). Der indische Guru gründete 1974 einen Ashram in Pune, verlegte den Sitz seiner Bewegung 1981 wegen zunehmender Spannungen mit den indischen Behörden in die USA (Rajneeshpuram, Oregon). Osho wurde 1985 wegen Einwanderungsbetrugs aus den USA ausgewiesen und kehrte nach Pune zurück. Seine Lehre verband östliche Meditation mit westlicher Therapie und legte großen Wert auf Katharsis, körperliche Erfahrung und die Auflösung gesellschaftlicher Konventionen. Osho Online Library
Veeresh⁶: Geboren als Denny Yuson-Sánchez (1938–2015) in New York. Von 14 bis 28 Jahren heroinabhängig, danach Ausbildung zum Suchttherapeuten bei Phoenix House, wo er 1970 die erste europäische Dependance in London aufbaute und leitete. 1974 traf er Osho in Pune und erhielt den Namen Anand Veeresh. Ein Jahr später beauftragte die niederländische Regierung Veeresh mit dem Aufbau eines Ausbildungsprogramms für Suchttherapeuten in Den Haag, daraus entstand 1978 die Humaniversity in den Niederlanden. Die von ihm entwickelte AUM Meditation ist ebenfalls eine intensive Katharsis-Methode, die in mehreren Phasen bewusst durch Wut, Trauer und Freude führt, bevor am Ende innere Stille stehen soll.
Esalen Institut⁷: Wurde 1962 von Michael Murphy und Dick Price in Big Sur, Kalifornien, gegründet und gilt als Geburtsort der Human-Potential-Bewegung. Neben Fritz Perls lehrten dort unter anderem Abraham Maslow, Carl Rogers, Virginia Satir und Ida Rolf. Das Esalen Institut existiert bis heute und bietet weiterhin Workshops an, darunter auch Holotropes Atmen. Zur Website des Esalen Institut
Fritz Perls⁸: Fritz Perls (1893–1970) war Begründer der Gestalttherapie und lebte von 1964 bis 1969 in Esalen. Seine konfrontativen "Hot Seat"-Sitzungen vor Publikum waren berüchtigt für offene Beleidigungen der Teilnehmenden. Der Psychotherapeut Everett Shostrom filmte 1965 die echte Klientin "Gloria" in drei getrennten Sitzungen mit Carl Rogers, Fritz Perls und Albert Ellis, bekannt als "Three Approaches to Psychotherapy" oder "The Gloria Films". Es ist bis heute ein Standardlehrmittel in der Therapieausbildung, weil man live sehen kann, wie unterschiedlich die drei Therapeuten mit derselben Person arbeiten. Die Sitzung von Fritz Perls ist dabei berüchtigt konfrontativ, er nennt Gloria unter anderem "phoney" (Heuchlerin) und fordert sie provokant heraus. Fritz Perls and Gloria - Counselling (1965) Full Session
Abraham Maslow⁹: Abraham Maslow (1908–1970), Begründer der humanistischen Psychologie und bekannt für seine Bedürfnispyramide, lieferte mit seinen Konzepten der Selbstverwirklichung und "Peak Experience" die theoretische Grundlage, auf der Esalen überhaupt erst aufgebaut wurde. Mit Peak Experience meinte er kurze, intensive Momente von Glück und Verbundenheit bei psychisch besonders gesunden Menschen, ein sorgfältig beobachtetes Konzept aus seriöser Forschung.
Irvin Yalom¹⁰: Der amerikanische Psychiater und Pionier der Gruppentherapie Irvin Yalom untersuchte gemeinsam mit Morton Lieberman und Matthew Miles in zwei vielzitierten Studien, "A Study of Encounter Group Casualties" (1971) und "Encounter Groups: First Facts" (1973), systematisch die Wirkung von Encounter-Gruppen. Nachgewiesen wurde, dass jene Teilnehmenden psychischen Schaden davontrugen, bei denen intensive Gruppenprozesse ohne strukturierte Nachbereitung stattfanden.